Auf 102 Quadratkilometern am Fuß des Riesengebirges stehen rund dreißig Schlösser, Burgen und Herrenhäuser. Eine solche Dichte an Residenzen gibt es in dieser Region Europas nirgendwo sonst – Fachleute vergleichen sie mit dem Loire-Tal. Und doch gehört das Hirschberger Tal zu den am wenigsten bekannten Kulturlandschaften Mitteleuropas.
Für viele Deutsche ist das Tal keine Entdeckung, sondern eine Wiederbegegnung. Namen wie Warmbrunn, Kynast oder Schneekoppe stehen in Familienalben, tauchen in Erzählungen der Großeltern auf, stehen auf alten Landkarten. Was heute polnischer Boden ist, war jahrhundertelang ein gemeinsamer schlesischer Kulturraum – und wird seit den neunziger Jahren mit bemerkenswerter Sorgfalt wiederhergestellt.
Elf Schloss- und Parkanlagen des Tals wurden 2012 in die Liste der Nationalen Kulturdenkmäler Polens aufgenommen. Die Stiftung des Tals der Schlösser und Gärten arbeitet an der Aufnahme in die UNESCO-Welterbeliste.
Begonnen hat alles mit einem einzigen Kauf.
Wie das Tal der Schlösser und Gärten entstand
Im Mai 1822 erwarb Prinz Wilhelm, der jüngere Bruder König Friedrich Wilhelms III., das Schloss Fischbach (Karpniki) und machte es zu seiner Sommerresidenz. Die Entscheidung eines Einzelnen löste eine Kettenreaktion aus.
Zehn Jahre später kaufte der König selbst Erdmannsdorf (Mysłakowice) – den einstigen Besitz des Feldmarschalls August von Gneisenau, des Waterloo-Veteranen – und schenkte kurz darauf seiner Tochter Luise das Schloss Schildau (Wojanów). Wo der Monarch residierte, folgte der Hof. Adelige, Minister und Generäle zogen nach, jeder mit dem Ehrgeiz, einen eigenen Sommersitz in demselben Tal zu besitzen.
So entstand ein Ensemble, das seinesgleichen sucht. Hohenzollern, Schaffgotsch, Radziwill und Czartoryski errichteten hier ihre Häuser. Die Parks entwarfen die bedeutendsten Gestalter der Epoche – Peter Joseph Lenné, Schöpfer der Berliner Gartenanlagen, und der Architekt Karl Friedrich Schinkel.
Die Zeitgenossen gaben der Gegend einen Namen, der bis heute gilt: Schlesisches Elysium.
Warum ausgerechnet hier?
Die Antwort liegt in der Landschaft. Das Hirschberger Tal vereint drei Elemente, die im 19. Jahrhundert als Inbegriff romantischer Szenerie galten: das wilde Massiv des Riesengebirges am Horizont, sanfte grüne Täler zu seinen Füßen und Flüsse, an denen sich Parks komponieren ließen.
Die Bauherren behandelten das gesamte Tal wie einen einzigen Garten. Sie legten Sichtachsen so an, dass vom Salonfenster oder von der Terrasse die verschneite Schneekoppe hindurchschimmerte. Sie pflanzten Alleen, errichteten künstliche Ruinen und Tempel der Besinnung. Im Park von Buchwald (Bukowiec) – dem schlesischen Arkadien – entstanden eine künstliche Klosterruine und der Athenetempel, ein Pavillon mit kleiner Bibliothek für die Gräfin von Reden.
Dieselbe Gräfin Friederike von Reden ist übrigens für die beiden erstaunlichsten Baudenkmäler der Region verantwortlich.
Denkmäler, die hier eigentlich nicht stehen dürften
Die Wang-Kirche in Krummhübel
Eine norwegische Stabkirche vom Ende des 12. Jahrhunderts, errichtet in Vang am Vangsmjøsa-See. Im 19. Jahrhundert war sie der Gemeinde zu klein geworden, die Sanierungskosten überstiegen deren Mittel – man beschloss, sie zu verkaufen.
1841 erwarb König Friedrich Wilhelm IV. das Bauwerk für 427 Mark. Auf Betreiben der Gräfin von Reden wurde die Kirche zerlegt, über Stettin und Berlin transportiert und am Hang des Schwarzen Bergs in Krummhübel (Karpacz) auf 885 Metern Höhe wieder aufgebaut. Die gesamte Konstruktion ist zimmermannsmäßig gefügt, ohne einen einzigen Nagel. Sie gilt als das wahrscheinlich älteste Holzgotteshaus Polens.
Die Tiroler Kolonie in Erdmannsdorf
Wer durch Erdmannsdorf fährt, sieht alpine Häuser mit geschnitzten Holzbalkonen. Sie sind keine Rekonstruktion.
In den 1830er Jahren musste eine Gruppe protestantischer Tiroler ihre Heimat verlassen – Glaubensflüchtlinge aus dem Zillertal. Auf Fürsprache derselben Gräfin von Reden fanden sie Asyl in Erdmannsdorf, wo der König sie auf seinem Land ansiedelte. Die Häuser stehen bis heute; der Ort trägt den Beinamen Klein-Tirol.
Bad Warmbrunn – Polens ältestes Heilbad
Die erste urkundliche Erwähnung der heißen Quellen stammt aus dem Jahr 1281. Vom 14. Jahrhundert bis 1945 war das Bad mit dem Geschlecht der Schaffgotsch verbunden.
Zu Gast waren hier Johann Wolfgang von Goethe (1790), König Friedrich Wilhelm III. mit seiner Gemahlin (1800) und John Quincy Adams, der spätere sechste Präsident der Vereinigten Staaten, ebenfalls um 1800. Das ornithologische Kabinett der Schaffgotsch galt seinerzeit als größte private Vogelsammlung Europas.
Der Wiederaufbau: was nach 1945 geschah
Das Jahr 1945 beendete diese Welt. Die deutsche Bevölkerung wurde vertrieben, polnische Siedler kamen – viele von ihnen selbst Vertriebene aus den ehemaligen Ostgebieten Polens. Zwei Verlustgeschichten, die sich in derselben Landschaft überlagern.
Die Schlösser blieben. Die Menschen gingen. Über Jahrzehnte dienten die Residenzen als Lagerhallen, Schulen, Kinderheime – oder verfielen schlicht. Wer in den achtziger Jahren durch das Tal fuhr, sah Ruinen.
Die Wende kam in den neunziger Jahren, und sie kam von unten. Private Eigentümer, polnische Historiker und Denkmalpfleger, in einigen Fällen Nachfahren der einstigen Besitzer begannen, das Erbe zurückzuholen.
Schloss Lomnitz (Łomnica) wurde von den Nachfahren der Familie von Küster zurückgekauft und über Jahre wiederhergestellt. Heute beherbergt es ein Museum, ein Hotel und ein Kulturzentrum; im restaurierten Gutshof arbeiten eine Bäckerei und eine Schmiede.
Schloss Fischbach, noch 2009 eine Ruine, empfängt seit einigen Jahren wieder Gäste.
Schloss Wernersdorf (Pałac Pakoszów) in Petersdorf stand nach Jahrzehnten der Vernachlässigung leer, bis ein Nachfahre der einstigen Eigentümer es zurückkaufte. Zwischen 2008 und 2012 wurde es restauriert – der barocke Festsaal mit seinen illusionistischen Deckenmalereien unter Leitung des Dresdner Malers Christoph Wetzel, der auch an der Kuppel der Frauenkirche gearbeitet hat.
2005 entstand die Stiftung des Tals der Schlösser und Gärten, die seither systematisch weitere Objekte sichert.
Das Erbe des Hirschberger Tals ist keine abgeschlossene Vergangenheit. Es ist ein laufendes Projekt – und ein Ort deutsch-polnischer Verständigung geworden.
Was das Tal heute bietet
Die Schlösser des Tals sind keine Museen hinter Glas. Ein Teil von ihnen empfängt Gäste.
Wer das Tal besucht, findet die Objekte oft nur zehn bis zwanzig Autominuten voneinander entfernt. Lomnitz, Schildau, Fischbach, Buchwald, Stonsdorf – eine Rundreise lässt sich an zwei Tagen bewältigen, mit dem Rad ebenso wie mit dem Auto.
Dazu kommt das Riesengebirge selbst: die Schneekoppe mit 1602 Metern, die Burg Kynast (Chojnik) auf 627 Metern am Rand einer hundert Meter tiefen Schlucht, die Wasserfälle bei Schreiberhau, die Glashütte Julia in Petersdorf mit Vorführungen der Glasbläserei.
Und ein Detail, das Reisende oft überrascht: Man kann in diesen Schlössern übernachten. Mehrere von ihnen – darunter Lomnitz, Schildau und Wernersdorf – werden heute als Hotels geführt. Schloss Wernersdorf, ein Barockbau von 1725, in dem Friedrich der Große dreimal zu Gast war und um 1800 auch John Quincy Adams, beherbergt heute ein Fünf-Sterne-Haus mit Restaurant in der ehemaligen Leinwandbleiche und einem Spa. Erhalten ist dort auch ein vollständig mit handbemalten Delfter Kacheln des 18. Jahrhunderts ausgelegter Raum.
Von Dresden aus erreicht man das Tal über die A4 in rund zweieinhalb Stunden. Kein Flughafen, keine lange Anfahrt. Entdecke das exklusive Paket: https://www.palac-pakoszow.pl/de/angebote/urlaub-im-palast-pakoszow-laenger-billiger.
Ein Erbe, das gerade wiederentdeckt wird
Das Hirschberger Tal ist keine lokale Kuriosität. Es ist eine der bedeutendsten Kulturlandschaften Mitteleuropas – geschaffen von preußischen Baumeistern, bewahrt von polnischen Denkmalpflegern, heute offen für Besucher aus beiden Ländern.
Elf Anlagen tragen den Status eines Nationalen Kulturdenkmals. Die UNESCO-Kandidatur läuft. Sollte sie Erfolg haben, wird das Tal in einer Reihe mit der Loire stehen.
Bis dahin gilt: Es ist noch still hier.

