Kaum ein Kunstwerk der Welt wird so intensiv betrachtet wie Leonardo da Vincis Mona Lisa im Pariser Louvre. Doch wer genau hinsieht, entdeckt ein Netz feinster Risse, das sich über die Oberfläche des 500 Jahre alten Porträts zieht. Dieses Phänomen heißt Krakelee (oder Craquelé) und ist kein Makel, sondern ein charakteristisches Altersmerkmal – eines, das die Restaurierung und Erhaltung des Gemäldes vor besondere Herausforderungen stellt.
Denn das Krakelee Mona Lisa zeigt nicht nur die Vergänglichkeit des Kunstwerks an. Es ist zugleich ein wichtiger Indikator dafür, wie erfolgreich die Klimatisierung, Lagerung und konservatorische Pflege im Louvre sind. Dieser Beitrag erklärt, was es mit den Rissen auf sich hat, wie Restauratoren sie beurteilen – und warum eine umfassende Reinigung der Gioconda bis heute nicht erfolgt ist.
Was ist Krakelee? Eine kurze Definition
Das Wort Krakelee (auch Craquelé geschrieben) stammt aus dem Französischen (craqueler – rissig werden lassen) und bezeichnet ein maschenartiges Netz von feinen Rissen oder Sprüngen in der Malschicht von Ölgemälden, aber auch auf Glasurkeramik oder lackierten Oberflächen. Bei der Mona Lisa ist das Krakelee vor allem im Bereich des Gesichts und des Hintergrundes sichtbar.
Hinweis: Das Krakelee ist kein restauratorischer Fehler. Es ist ein natürlicher Alterungsprozess, der bei fast allen alten Ölgemälden auf Holztafel auftritt.
Physikalische Ursachen: Warum reißt die Farbe?
Die Rissbildung wird durch zwei Hauptfaktoren begünstigt:
- Bewegung des Bildträgers: Die Mona Lisa ist auf eine dünne Pappelholztafel gemalt (ca. 77 × 53 cm, 13 mm dick). Holz arbeitet – es quillt bei Feuchtigkeit und schrumpft bei Trockenheit. Diese Bewegung überträgt sich auf die spröde, gealterte Farbschicht.
- Temperatur‑ und Feuchteschwankungen: Materialien dehnen sich bei Wärme aus, ziehen sich bei Kälte zusammen. Besonders extreme oder häufige Schwankungen führen zu Mikrorissen. Günther Jauch erklärte dies in einer Folge von „Wer wird Millionär?“ so: „Das sind feine Risse in Ölgemälden. Die entstehen meist im Laufe der Jahre oder Jahrhunderte durch Temperaturschwankungen.“
Wissenschaftliche Untersuchungen (etwa durch das französische Forschungszentrum für Restaurierung C2RMF) haben gezeigt, dass die Rissbildung auf der Mona Lisa sogar als gesundes Zeichen gewertet werden kann: Die Risse entlasten die Farbschicht und verhindern, dass größere Farbschollen abplatzen.
Wie Restauratoren mit Krakelee umgehen
Der Grundsatz: Minimaler Eingriff
In der modernen Restaurierung gilt das Prinzip der minimalen Intervention. Man greift nur dann ein, wenn akute Gefahr für das Kunstwerk besteht – etwa wenn sich Farbschollen lösen. In diesem Fall werden die Risse mit einem geeigneten Festigungsmittel (z. B. tierischem Leim oder synthetischen Harzen) „verfugt“, ohne dass die gesamte Oberfläche neu überzogen wird. Eine vollständige Einebnung des Krakelees ist weder möglich noch erwünscht, weil sie die ursprüngliche Materialität zerstören würde.
Die Reinigungsdebatte: Soll die Mona Lisa „frischer“ aussehen?
Die heutige Erscheinung der Mona Lisa ist stark von gealterten Firnissen und oxidierten Farbschichten geprägt: Die Haut wirkt bernsteinfarben, der Himmel grünlich. Fachleute wissen recht genau, wie das Gemälde ursprünglich aussah – unter anderem dank einer Kopie aus dem Prado, die hellere Farben zeigt (blauer Himmel, rote Ärmel, heller Teint).
Würde es sich nicht um die Mona Lisa handeln, wäre das Gemälde längst restauriert worden.
Doch genau das ist das Dilemma: Eine schonende Reinigung würde die Ikone verändern. Die Öffentlichkeit ist an den aktuellen, warmen Farbton gewöhnt – und viele fürchten, dass nach einer Restaurierung das vertraute Bild der Gioconda verloren ginge, ähnlich wie bei der kontroversen Reinigung von Michelangelos Fresken in der Sixtinischen Kapelle. Aus diesem Grund hat der Louvre bisher auf eine umfassende Reinigung verzichtet und setzt stattdessen auf präventive Konservierung.
Erhaltungsbedingungen im Louvre: Ein streng kontrolliertes Mikroklima
Um das Fortschreiten des Krakelees zu verlangsamen, wird die Mona Lisa seit ihrem Umzug in den Salle des Etats im Jahr 2005 unter extrem stabilen Klimabedingungen aufbewahrt:
| Parameter | Wert |
|---|---|
| Raumtemperatur | konstant 20 °C |
| relative Luftfeuchtigkeit | ca. 50 % |
| Verglasung | 40 mm dicke, vierschichtige, bruchsichere, reflexfreie Glasscheibe |
Die Werte wurden bewusst gewählt, um die Holztafel möglichst wenig zu bewegen. Zudem wird das Gemälde jährlich umfassend untersucht, wobei auch das Rissnetz dokumentiert wird. Bereits 2004/2005 gab es Befürchtungen, dass sich die Pappelholztafel wellen könnte – dies konnte durch die neue Vitrine jedoch erfolgreich eingedämmt werden.
Zukunft der Präsentation: Umzug in einen eigenen Raum
Der Louvre steht vor einer grundlegenden Renovierung unter dem Namen „Louvre New Renaissance“ . Im Rahmen dieses Projekts wird die Mona Lisa bis spätestens 2031 in einen eigenen, separat zugänglichen Ausstellungsraum umziehen. Die Baukosten werden auf mehrere hundert Millionen Euro geschätzt, finanziert durch Eintrittsgelder, Spenden und eine Kooperation mit dem Louvre Abu Dhabi.
Der Umzug dient nicht nur der besseren Besucherlenkung (derzeit drängen täglich bis zu 20.000 Menschen durch den Saal), sondern auch der Optimierung der konservatorischen Bedingungen.
Louvre-Direktorin Laurence des Cars betonte: „Die Öffentlichkeit hat keine Möglichkeit, die Arbeit des Künstlers zu verstehen, was unsere gesamte öffentliche Dienstmission in Frage stellt.“ Ein eigener Raum mit maßgeschneidertem Klimakonzept soll dazu beitragen, das Mikroklima noch präziser zu steuern – und damit das Krakelee weiter zu stabilisieren.
Fazit
Das Krakelee Mona Lisa ist kein Schönheitsfehler, sondern ein natürliches Altersphänomen, das die Materialität des Gemäldes widerspiegelt. Die Restaurierung konzentriert sich auf präventive Konservierung – stabile Klimabedingungen, regelmäßige Kontrollen und minimale Eingriffe. Eine umfassende Reinigung des Meisterwerks bleibt aus Respekt vor seiner ikonischen Wirkung vorerst tabu.
Was denken Sie? Sollte die Mona Lisa behutsam gereinigt werden, um Leonardos ursprüngliche Farben wieder sichtbar zu machen? Oder überwiegt der Wert der vertrauten Ikone? Diskutieren Sie mit in den Kommentaren!
FAQ – Häufige Fragen zu Krakelee und der Mona Lisa
1. Ist das Krakelee auf der Mona Lisa gefährlich für das Gemälde?
Nein, die feinen Risse sind ein normaler Alterungsprozess und werden von Restauratoren überwacht. Nur wenn sich Farbschollen abzulösen drohen, wird vorsichtig gefestigt. Die heutigen Klimabedingungen verlangsamen die Rissbildung erheblich.
2. Warum wird die Mona Lisa nicht einfach neu übermalt?
Eine Neuübermalung würde die originale Substanz zerstören und ist in der Restaurierung seit dem 20. Jahrhundert streng verboten. Konservatoren bewahren das Original, sie „verschönern“ es nicht.
3. Kann man das Krakelee mit bloßem Auge sehen?
Ja, bei genauem Hinsehen – besonders im Bereich des Gesichts und des Himmels. Die meisten Besucher nehmen es jedoch wegen der großen Entfernung (das Bild hängt hinter Panzerglas) nicht bewusst wahr.
4. Entsteht Krakelee nur durch Alterung?
Nicht nur. Auch Temperaturwechsel, falsche Lagerung oder Materialspannungen können Risse hervorrufen. In der Keramik wird Krakelee manchmal sogar künstlich als Dekor hergestellt.
5. Wo finde ich verlässliche Informationen zur Restaurierung der Mona Lisa?
Das französische Forschungszentrum C2RMF (Centre de recherche et de restauration des musées de France) veröffentlicht regelmäßig wissenschaftliche Berichte. Auch die offizielle Website des Louvre sowie Fachzeitschriften wie Studies in Conservation bieten vertiefende Artikel.

